Alkohol in Amerika
 
Das ist hier so außergewöhnlich, kafkaesk bis absurd, daß ich dem ein eigenes Kapitel widmen muß. Mein Erfahrungsschatz ist jetzt auch hinreichend groß, um darüber angemessen berichten zu können. Nach landläufiger Meinung, nicht nur der Meinung der Gesetzgeber, übersteigen die potentiellen Gefahren des Alkohols die des Schießgewehres oder die eines Automobils um mehrere Größenordnungen.
Deshalb ist der Erwerb und Genuß auch erst gereiften Persönlichkeiten über 21 gestattet. In dem Alter kann man in Europa schon eine legale Säuferkarriere hinter
sich haben. Es muß wohl auch strenge Strafen geben, falls sich ein Verkäufer nicht an diese Regel hält. Nur so kann ich mir erklären, daß selbst ich gelegentlich
meine ID vorzeigen muß, um eine 'Kiste' Bier zu erwerben. Um mich darüber nicht unnötig aufzuregen, betrachte ich das dann immer als Kompliment.
Komischerweise wurde diese ID noch nie verlangt, wenn ich Schnaps gekauft habe...
 
Diese Alkohol-Paranoia ist aber nicht nur darauf beschränkt, den legal berechtigten Kreis durch diese Altersbeschränkung zu limitieren, nein, selbst wenn man diese Hürde überwunden hat, wird der Erwerb, Transport und Genuß vielerlei anderen einfallsreichen Hindernissen ausgesetzt, die jeweils dem Gutdünken des einzelnen Staates unterliegen. Mit all diesen habe ich bereits persönlich leidvolle Erfahrung machen müssen. Die Ursache für diese Beschränkungen schein meiner
Meinung darin zu liegen, daß dem Amerikaner als solchem die Fähigkeit zur Mäßigung generell abgängig ist. Aber was soll man auch im 'Land der unbegrenzten Möglichkeiten'
erwarten?
 
Erwerb von Alkohol: Über 21 zu sein ist nur eine notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingung. Man sollte vorher auch auf die Uhr schauen, wissen, in welchem Bundesstaat man sich befindet, welche Art Alkohol man haben will, und in
welchen Laden man gehen will. Tankstellen fallen sowieso aus. Sie dienen der Versorgung des Autos. Der Staat N.Y. unterscheidet nun harte und weiche Drogen, also Bier, das gibt's im Supermarkt, und härtere Getränke nur im Liquor Shop.
Andere Staaten wie Connecticut oder Virginia machen diesen Unterschied nicht. Und New Hampshire wiederum verkauft die harten Getränke in staatlichen Schnapsläden, steuerfrei... 

Der Gesetzgeber hat aber nicht nur die Lokalitäten des Erwerbs, sondern auch die Zeiten dafür reglementiert. Während man in Europa eigentlich nur durch allgemeine
Ladenschlußzeiten vom Erwerb abgehalten werden kann, gelten hier spezielle Regeln. Der Sonntag hat der Tag des Herrn zu sein und nicht der Tag des Suffs. Womit mal wieder bewiesen wäre, wie zutiefst christlich dieses Land ist und wie wenig säkular. In dieses Schema paßt auch, daß die Parade für den St. Patricks Day, den 17. März, am Samstag, 16. März abgehalten wurde, um den anschließenden Sonntag von
Heerschaaren von Drunkenbolden freizuhalten. Liquorshops haben jedenfalls Sonntags zu, und die einzige Möglichkeit, Wein zu erwerben, ist beim Winzer selbst, der
darf seine eigenen Gewächse Sonntags verkaufen. Wie es mit Bier ist, habe ich noch nicht probiert. Ich weiß nur, daß ich beim letzten dieser Mittwochs-Skitrips nach Upstate N.Y. kein eigenes Bier dabei hatte, da ich es nicht vermochte, vorher welches zu kaufen. Da Strahlzeit war, hatte ich bis 2 Uhr morgens zu arbeiten. Auf dem Weg nach Hause kam ich am 24h Waldbaums vorbei, der dummerweise in jener
Nacht ein System-Upgrade vornahm, und folglich von Mitternacht bis 4 Uhr morgens geschlossen war. Da der Bus um 5 Uhr abfuhr, beschloß ich, kurz vorher noch mal
zu dem Laden zu fahren. Er hatte tatsächlich wieder geöffnet. Als ich dann um 4:45 Uhr mit einer Schachtel Bier an der Kasse stand, schaute mich die Verkäuferin sehr seltsam an, und ich hatte das Gefühl, irgendwas stimmt hier nicht. Sie bedeutete mir dann, daß ich das Bier nicht kaufen könnte. Auch der Hinweis auf mein fortgeschrittenes Alter konnte sie nicht umstimmen. Der Grund war vielmehr, daß im Staate N.Y. wochentags zwischen 4 Uhr und 7 Uhr morgens der Verkauf jeglicher Alkoholika untersagt ist. Wie das am Wochenende außer Sonntags ist, konnte ich noch nicht feststellen, da am Wochenende um diese Zeit kein Geschäft geöffnet hat.
Der Grund für diese Regelung bleibt unklar. Soll einerseits der Nachschub für Besäufnisse unterbunden werden, die sich ansonsten bis in die Morgenstunden hinziehen würden? Oder will man verhindern, daß die Frühschicht sich vor der
Arbeit schon mal einen hinter die Binde kippt? Aber dennoch: Gepriesen seien die Vereinigten Staaten, in Kanada gibts das ganze Wochenende lang keinen Alkohol zu kaufen.
 
Transport von Alkohol: Nur unter speziellen Bedingungen darf dieser das Tageslicht erblicken. Die allgemeine Öffentlichkeit hat jedenfalls ausgeschlossen zu sein.
Das bedeutet, daß die Flaschen den Liquor Shop nur in braunen Papiertüten verlassen dürfen und die Bierflaschen sich immer schön in einer gänzlich verschlossenen Papkiste befinden. Dies ist wohl der Grund, warum es in diesem Lande keine traditionellen Bierkisten geben kann. Der weitere Transport muß dann im Kofferaum erfolgen, d.h. in einem Teil des Fahrzeuges, der der Öffentlichkeit nicht sichtbar
und den Fahrzeuginsassen während der Fahrt nicht zugänglich ist. (Bei echtem Sprit ist das interessanterweise umgekehrt: Der darf wegen Explosionsgefahr nicht in den
Kofferraum, sondern muß in die Fahrgastzelle.) Meiner obigen Bemerkung bzgl. der Mäßigung zufolge besteht bei Nichtbeachtung dieser Regel die Gefahr, daß, wenn das Bier erst mal im Auto ist, dann es auch schnell den Weg in die Kehlen findet, und dann das Fahrzeug selbigen in den Graben...
 
Zu meiner großen Überraschung war die lange Busreise nach Kanada und zurück aber keineswegs eine trockene Veranstaltung. Der Reiseleiter selbst tat schon das
seinige, indem er einen Platz im vorderen Teil des Busses für eine große amerikanische Standardkunststoffmülltonne reserviert hielt, welche dann kurz vor Fahrtantritt zur einen
Hälfte mit Eis und zur anderen mit (Light)Bier und Softdrinks befüllt wurde. Er vergaß aber nicht zu erwähnen, daß im hinteren Teil des Busses eine Teil der Reisegesellschaft (dem ich angehörte) ihren eigenen Vorrat hütete. Von der Einreise nach Kanada brachte der kanadische Fahrer den offiziellen, aber fruchtlosen Hinweis, daß in Quebec das Mitführen von Alkohol nur im Gepäckfach zulässig ist. Bei der Rückreise machte der Reiseleiter dann wiederum kurz vor der Grenze die Bemerkung,
doch rechzeitig vorher seine Bierdose geleert zu haben.
 
Genuß von Alkohol: Gemäß der allgemeinen Regel, daß hier alles unterbunden wird, was jemand anderem Schaden zufügen könnte oder jemand anderes als
anstößig betrachten könnte, ist auch der Genuß von Alkohol strengen Regeln unterworfen. Offenbar muß der Anblick trinkender Menschen eine für zumindest Teile
der Öffentlichkeit schlimme Erfahrung sein. Vielleicht will man auch nur verhindern, daß unschuldige Menschen durch diesen Anblick ebenfalls dazu verführt werden. Es war jedenfalls eine interessante Erfahrung, nachmittags um 2 Uhr aus einer in eine braune Papiertüte versteckten Bierdose trinkend, über die Brooklin Bridge zu gehen. Einer der Mitreisenden machte die Bemerkung, daß normalerweise nur die Penner derart aus Tüten trinken.
 
Der St. Patricks Day, der irische Nationalfeiertag, oder vielmehr der Samstag davor, war auch in dieser Hinsicht eine interessante Erfahrung. Durch viele Karnevalsumzüge
geprägt, hatte ich eine gewisse Vorstellung, was die Kernelemente eines ordentlichen Umzugs, oder Parade sind, insbesondere, wenn es bitter kalt ist. Demgemäß
erschien mir eine St. Paddy's Day Parade unter diesen Bedingungen eine etwas widersprüchliche Veranstaltung zu sein. Es begab sich, daß Besucher von der Westküste, mein Chef mit Gattin und ich an diesem Samstag in der City waren, um das NYer Kulturprogramm auszukosten. Mit touristischen Gründen konnten wir ihn davon
überzeugen, nach dem wir aus dem Broadway Theatre kamen, wenigstens einen kurzen Blick auf die Parade zu werfen, die nur zwei Avenues weiter stattfand.
(Er war noch nie zuvor auf einer Parade gewesen...) Zu meinem Erstaunen waren die betroffenen Straßen mit leeren, unverhüllten Bierdosen gepflastert, einige umliegende Kneipen hatten gar so etwas wie einen Straßenverkauf, und man konnte Heerschaaren von frohgemuten Schlachtenbummlern erblicken. Ein ähnliches Bild zeigte sich dann auch abends am Hauptbahnhof und in den U-Bahnstationen, also leere Flaschen und volle Passanten. Der Grund für diese unter dem Auge des Gesetzes vollführten und ungeahndeten Exzesse mag wohl darin liegen, daß diese Parade auch die Parade
der NYer Polizisten und Feuerwehrleute ist, da diese mehrheitlich irischer Abstammung sind.
 
Als vorläufig abschließende Bemerkungen, warum es hier diese Regeln gibt, sind noch ein paar Beispiele anzuführen: Ich habe schon viele Winzer aufgesucht, um dort ihren
Wein zu probieren, und mußte erst nach Amerika reisen, um für diese 'Leistung' Geld bezahlen zu müssen. Meine jeweils erstaunte Frage nach dem Warum wurde damit
beantwortet, daß Schaaren von maßlosen Amerikanern ansonsten beim Winzer einfallen würden, um diese kostenlose Art des Besaufens hemmungslos auszunutzen.
Als kultivierter Europäer hat man dann natürlich das Nachsehen. Die Nachrichten brachten dieser Tage Bilder von Cancun aus dem benachbarten Mexico, das bei High School Students neuerdings zu großer Beliebtheit für die Spring-Break aufgestiegen ist, da man dort legal unter 21 in der Öffentlichkeit am Strand trinken darf. In dieser Hinsicht sind die imperialistischen Amerikaner auch nicht besser oder schlimmer als wir Deutschen, die Ihre schlimmsten Trunkenbolde ins südliche Ausland schicken, die nach Mexico, wir nach Mallorca.
 
Das Beste hätte ich ja fast vergessen, und das schießt wirklich den Vogel ab: Der Staat Vermont hat sich eine besonders einfallsreiche Trinkerschikane ausgedacht. Als wir wie üblich nach dem Skifahren die erste (und einzige) Bar am Platze aufsuchten, wurde ich mit dem Gesetz konfrontiert, daß 'only one alcoholic beverage per person at a time' erlaubt ist. Mit anderen Worten, bevor jemand die nächste Runde Bier bestellen kann, müssen erst alle die letzte Runde ausgetrunken haben. Und das bremst enorm. Zugegeben, eine sehr effektive Methode, die Leute nüchtern zu halten.
 
 
Damit verbleibe ich mit einem
 
Prost!
 
 
Henrik